Dieters Fotoblog

Alles rund um das Thema Fotografie

Stellung beziehen – Dokumentieren oder Interpretieren

Mit den meisten Fotos, die wir machen, dokumentieren wir im allgemeinen Gesehenes und Geschehenes in unserer Umgebung. Mit der richtigen Einstellung zum fotografierten Objekt können wir das Gesehene aber auch interpretieren – und erhalten oft Bilder, die dem Betrachter Denkanstöße geben. Ob wir die Fotos zu dokumentarischen Zwecken machen, etwa weil das Objekt einem größeren Publikum in einer Zeitschrift oder per Internet zur Anschauung dienen soll, oder ob es sich um persönliche Erinnerungsfotos handelt, in jedem Fall wird als Erstes die Totale (Bild 1) gewählt – und das aus gutem Grund: Die Totale liefert uns eine Übersicht des Objekts, zeigt es in seiner Umgebung und gibt uns so einen Eindruck von den Ausmaßen des Motivs, sie verdeutlicht (und dokumentiert) uns seine Funktion und seine Lage in der Umgebung.

Am Beispiel eines Fabrikentwurfes soll das einmal demonstriert werden.

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Übersichtsaufnahme einesFabrikgebäudes

Bild 1: Modell eines Fabrikgebäudes

Für diese Totale muss aus der Vielzahl der möglichen Kamerastandorte der Beste ausgewählt werden. Da der Fotograf oft durch die gegebene räumliche Enge in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist,  hilft unter Umständen der Einsatz eines Weitwinkelobjektivs oder einer “kurzen” Brennweite am Zoomobjektiv. Dies sollte jedoch mit Bedacht geschehen, da sonst nahe am Objektiv befindliche Teile des Motivs im Vergleich zu weiter entfernten überproportional groß wiedergegeben werden oder nahe am Rand befindliche Motivteile je nach Brennweite und Objektiv verzerrt wiedergegeben werden können

Leider gehen dabei auch viele Einzelheiten des Motivs verloren, da einige Bildbereiche zu klein abgebildet oder von anderen Motivteilen verdeckt werden. Diese Ansicht eines Fabrikmodells liefert uns bestenfalls also eine Übersicht über den gesamten Komplex. Aus diesem Grund werden weitere Aufnahmen in der Halbtotalen gemacht, die in diesem Beispiel die Aufgabe übernehmen, die verschiedenen Bereiche des Gebäudes zu erläutern (Bilder 2 und 3).

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Modell eines fabrikgebäudes

Bild 2: Modell eines Fabrikgebäudes – Halbotale zur besseren Veranschaulichung der Gebäudeteile

Modell eines fabrikgebäudes

Bild 3: Modell eines Fabrikgebäudes – Halbtotale auf einen anderen Bereich des Gebäudes

 

Der besseren Verständlichkeit wegen wurde in Bild 2, um dem Betrachter einen Eindruck von der Größe zu vermitteln, welche die reale Anlage später haben wird, in der dargestellten Produktionsanlage eine menschliche Figur als Hinweis auf die Größenverhältnisse maßstabgerecht aufgestellt. Da man sich vorstellen kann, wie groß ein Mensch im Verhältnis zu einem solchen Bau sein wird, lässt sich die wahre Dimension der Anlage auf diese Weise erahnen, und die Vorstellungskraft der Betrachter wird nicht überfordert.

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Modell eines fabrikgebäudes

Bild 4: Modell eines Fabrikgebäudes

Während Bild 4 das Modell aus einer Perspektive zeigt, die schon eher unserer gewohnten Sehweise entspricht, sozusagen „Einblick“ beispielsweise aus dem ersten Stockwerk eines gegenüber liegenden Gebäudes gewährt, und so die Dimensionen schon etwas besser veranschaulicht, sollen die Bilder 5 und 6 unsere Vorstellungskraft unterstützten. Uns wird ein Eindruck davon vermittelt, wie ein Besucher, der die Anlage betritt, diese wahrnehmen wird. Hier wird durch den Einsatz eines leichten Weitwinkels bzw. einer leichten Teleeinstellung – verbunden mit der Makrofähigkeit des Objektivs – eine Interpretation der Größenverhältnisse gegeben, wobei die dargestellte Wendeltreppe als ein allgemein bekannter Größenmaßstab dienen kann.

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Bild_5-Bearbeitet

Bild 5: So könnte ein Besucher die Anlage beim betreten wahrnehmen

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Bild 6: Wendeltreppe als Größenmaßstab

 

Die Beispielbilder verdeutlichen, dass man mit wenigen Hilfsmitteln bei der Herstellung solcher Fotos auskommen kann.

Die Aufnahmen wurden mit zwei Flächenleuchten ausgeleuchtet. Grundsätzlich hätte man das Modell (auf einer Grundplatte von 115 x 145 cm) auch durch ein an die Decke gerichtetes Blitzlicht aufhellen können, jedoch nur dann, wenn der nötige Abstand für eine gleichmäßige Ausleuchtung erreicht wird.

Die Aufnahmen dieses Modells stammen aus dem Jahr 1990, also aus einer Zeit in der die digitale Kameratechnik noch nicht zur Verfügung stand, wurden also auf Film aufgenommen. Wegen eines fehlenden weißen bzw. neutralfarbenen Anstrichs der Decke und der Wände hätte sich auf Farbfilm ein Farbstich gezeigt, der im Labor nur sehr schwer oder gar nicht hätte herausgefiltert werden können. Aus diesem Grund fiel die Entscheidung für die Verwendung von Schwarz-Weiß-Film.

Wegen der möglichst genauen Dosierung der Schärfentiefe sollte ein Stativ (für die Kamera) zum Einsatz kommen, welches die erforderlichen langen Verschlusszeiten (bei kleiner Blende) verwackelungsfrei ermöglicht. Nicht alle Digitalkameras verfügen über eine Schärfentiefeskala am Objektiv oder lassen sich vor der Aufnahme auf die Arbeitsblende zur Beurteilung der Schärfentiefe abblenden. Dann hilft nur Experimentieren: eine Reihe von Aufnahmen mit verschiedenen Blenden und Belichtungszeiten, und anschließende Auswahl am Bildschirm.

Autor: Rt

Wissen wird nicht weniger wenn man es teilt. Jeder kann fotografieren, aber manchmal fehlt uns der eine oder andere Kniff oder es interessiert uns generell, wie etwas gemacht wird. Und weil ich sowieso am liebsten übers fotografieren plaudere habe ich angefangen, in diesem Blog das festzuhalten, was mich zum jeweiligen Zeitpunkt am meisten beschäftigt. Ob es dabei um grundlegende oder weiterführende Techniken geht oder ob ich über eine spezielle Anwendung berichte, und egal ob Ihr Euch als Anfänger betrachtet oder über reichlich Erfahrung verfügt: Ihr seid herzlich eingeladen auf diesen Seiten zu stöbern und mit zu diskutieren.

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