Dieters Fotoblog

Alles rund um das Thema Fotografie

Schneller als der Blitz

Blitzaufnahmen mit kürzeren Synchronzeiten als es die Kamera eigentlich erlaubt sind möglich. Dazu braucht man einen relativ teuren Systemblitz, der die HSS – Technik beherrscht (High-Speed-Synchronisation). Es geht aber mit Hilfe eines Tricks auch mit preiswerten Aufsteckblitzen.
In diesem Beitrag will ich einen Weg zeigen, der bei mir mit zwei Yongnuo Blitzen zuverlässig funktioniert.

Gegenlichtaufnahmen, also Aufnahmen, bei denen gegen die Sonne oder eine andere Lichtquelle fotografiert wird, können ihren ganz besonderen Reiz haben. Das Motiv wird vom Licht regelrecht umflutet und bei vielen Aufnahmen legt sich eine „Lichtgloriole“ in Form eines goldenen Kranzes um das Motiv. Solche Fotos können aber auch Probleme bereiten, etwa bei Portraits vor einem Fenster. Von den abgebildeten Gesichtern ist oft so gut wie nichts zu sehen, dann nämlich wenn die Belichtungsautomatik einen sehr hellen Hintergrund erkennt und damit automatisch abdunkelt. So manches Portrait ähnelt dann eher einem Scherenschnitt, der oder die Abgebildete erscheint nur noch in Form einer Silhouette.

So könnte eine Gegenlichaufnahme ohne Vordergrundaufhellung aussehen

So könnte eine Gegenlichaufnahme ohne Vordergrundaufhellung aussehen

Dagegen hilft der altbekannte Aufhellblitz, den viele Kameras bei zu hohem Kontrast durch das Gegenlicht sogar automatisch zuschalten. Dazu ist es aber erforderlich, dass die Automatik auch auf eine Belichtungszeit größer oder gleich der Synchronisationszeit der Kamera umschaltet. Diese liegt je nach Kamera bei 1/200 bis 1/250 Sekunde. Der viel zu helle Hintergrund wird dabei durch schließen der Blende so weit abgedunkelt bis sich eine ausgewogene Belichtung von Hintergrund (Tageslicht) und Vordergrund (Blitzlicht) ergibt. Dabei kann die Blende durch die Automatik bis zur Leistungsgrenze des Blitzes geschlossen werden.

Überschlagen wir einmal kurz im Kopf:

ein in der Kamera eingebauter Blitz hat meist eine Leitzahl (LZ) von um die 12. Nach der alt bekannten Formel Blende = LZ durch Entfernung kommen wir für ein Portrait bei einem Abstand von 2 Metern auf Blende f/6 (eine „starke 5,6“ hätte man früher gesagt). Das bedeutet für eine normale Point- and shoot – Digicam mit den kleinen Sensoren schon eine beträchtliche Tiefenschärfe, die je nach Kamera und verbautem Sensor von ca. 0,7 m bis unendlich reicht.
Für eine Spiegelreflex mit aufgestecktem Systemblitz und einer heute üblichen LZ 44 erhalten wir so Blende f/22.

Eine Brennweite von 50mm an einer Crop-Kamera entspricht in etwa einer Brennweite von 85mm beim Vollformat bzw. Kleinbildfilm, also der klassischen Portrait – Brennweite. Das bedeutet einen Tiefenschärfebereich von etwa 1,5m bis 3m.

Wollen wir an der Crop-Cam den gleichen Bildeindruck wie bei Vollformat und 50mm, dann brauchen wir eine Brennweite von etwa 32mm. Daraus ergibt sich ein Tiefenschärfebereich von ungefähr 1m bis 8m. Bei einem 28mm Objektiv reicht unsere Schärfe von 1,0m bis Unendlich. 

Die beiden folgenden Tabellen stellen das nochmal etwas übersichtlicher dar:

Tiefenschärfe bezogen auf eine Kamera mit Crop-Sensor

(ca. 18×24 mm, variiert je nach Hersteller um 1-2 mm)

f/22

50mm

28mm

Tiefenschärfe reale Brennweite

1,50 m  –  3 m

1 m  –  unendlich

Tiefenschärfe umgerechnet für Kamera mit Crop-Sensor,  Normalbrennweite = 32mm

1,14 m  –  8 m

0,6 m  –  unendlich

Tiefenschärfe bezogen auf eine Kamera mit Vollformat-Sensor bzw. Kleinbildfilm
Bildfläche ca. 24×36 mm

f/22

50mm

28mm

Tiefenschärfe

1,3 m – 4 m

0,8 m – unendlich

Wer sich die Sache mit der Tiefenschärfe näher ansehen will, dem möchte ich den Schärfentiefenrechner von Michael J. Hußmann empfehlen, der freundlicherweise auf dem Server der Zeitschrift fotomagazin  gehostet wird. Technikverliebte und die, die es noch genauer wissen wollen, werden vielleicht den Rechner von Erik Krause  bevorzugen.

Was bedeuten diese Zahlen aber jetzt für unser Portrait vor offenem Fenster?

Erstens heißt das natürlich, dass wir dem auf die Kamera aufgesteckten Blitz alles an Leistung abverlangen, was er geben kann. Schnelle Bildfolgen sind also nicht möglich, meine Exemplare brauchen dann etwa drei Sekunden um wieder aufzuladen, was aber nicht wirklich stört.

Zweitens erhalten wir viel (zu viel) Schärfe im Hintergrund. Selbst wenn dieser etwas weiter entfernt ist und aus Büschen und Bäumen bestehen sollte kann noch zu viel zu erkennen sein, was den Betrachter von eigentlichen Motiv ablenkt.

Ha“, werden Sie jetzt denken, „das hab ich doch gelernt, dann mache ich eben die Blende auf und reduziere so meine Tiefenschärfe.“
Das könnte man so machen, dann aber fällt wieder mehr Licht auf Hinter- und Vordergrund, die Belichtung des Vordergrundes wird von der Blitzautomatik der Kamera reduziert bis alles passt, aber der Hintergrund ist möglicherweise wieder zu hell.

Aufnahme mit Gegenlicht. Der Hintergrund könnte fast so bleiben, aber die Figur braucht mehr Licht von vorne.

Aufnahme mit Gegenlicht. Der Hintergrund könnte fast so bleiben, aber die Figur braucht mehr Licht von vorne.

Und genau hier setzt mein Trick an:

Ich blitze mein Motiv nicht mit dem auf die Kamera aufgesteckten Systemblitz, sondern mit einem seitlich positionierten, preiswerten Aufsteckblitz. Damit schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe:

  1. meine Belichtungszeit kann kürzer als die Synchronzeit der Kamera sein

  2. mein Haupt- oder Aufhellicht kommt nicht aus Richtung der Kamera und wird somit kontrastreicher, ich bekomme nicht den typischen „Fahndungsfoto – Look“.

Was ich brauche sind meine Nikon D80, den Yongnuo YN565EX (preiswerter Systemblitz, allerdings nicht HSS-fähig) und einen rein manuellen und deshalb sehr preiswerten Yongnuo YN560II (es geht auch jeder andere Blitz, Bedingung ist nur die Auslösemöglichkeit durch eine interne oder externe Fotozelle und die Möglichkeit auf volle Leistung zu schalten).

  • Meine D80 stelle ich auf „m“, also in den manuellen Modus, wähle eine offene Blende im Bereich f/1,8 – f/4, je nach Objektiv und Situation, sowie eine Verschlusszeit irgendwo zwischen 1/250 und 1/4000 Sekunde. Damit bin ich also deutlich schneller als die normale Synchronisationszeit der Kamera. Die genaue Zeit wähle ich so, dass der Hintergrund eben richtig aussieht (Kontrolle auf dem Display, Bild und Histogramm, Aufnahme eventuell noch ohne das Modell).

  • Im Blitzschuh der D80 steckt mein YN565EX im manuellen Modus (“m”), Power = 1/128, den Reflektor – Kopf um 130 Grad nach hinten in Richtung des YN560II gedreht.

  • Schräg hinter mir ist der YN560II, Modus “S1” (Slave ohne Auslöseverzögerung), Leistung = 1/1.
    Volle Leistung ist deshalb wichtig, weil sich nur dann eine schöne laaaange Blitzdauer ergibt, die für diesen Trick nötig ist. Schon bei 1/2 Leistung funktioniert das Ganze nicht mehr richtig.

Und los geht’s.

Weil ich vergessen hatte rechtzeitig vor dem Testshooting sowohl ein Model als auch die Sonne zu buchen und nicht länger auf einen freien Termin warten wollte, habe ich kurzerhand einen gerade zur Verfügung stehenden und aus Film und Fernsehen bekannten Schauspieler gebeten, mir Modell zu stehen. Hier sehen wir ihn im Bild bei der Inspektion einer Schreibtischlampe. Macht nichts, Hauptsache eine starke Lichtquelle als Gegenlicht.

Werner im Scheinwerferlicht, aber wieso fällt der Schatten in die falsche Richtung?

Werner im Scheinwerferlicht, aber wieso fällt der Schatten in die falsche Richtung?

Ich denke, die Situation ist klar: selbst bei eingeschalteter 60 Watt Glühbirne machten Richtung und Stärke des Schattens im Bild deutlich, woher das Licht kommt. Wer sich die Bilder zur genaueren Untersuchung downloaden möchte darf das gerne tun, in den Exif-Daten kann man eine Belichtungszeit von 1/4000 Sekunde bei Blende f/6,3 nachlesen.  Zum Ansehen der Bilder und der darin eingebetteten Exif-Daten eignet sich sehr gut das kostenlose Tool Irfan View, zu downloaden entweder von der original Homepage oder von Chip.de   (Aber bitte die Bilder nicht verändern oder selber woanders posten, bei Bedarf bitte auf diese Seite verlinken).

Hier ist die Abbrenndauer des Blitzes zu kurz

Hier ist die Abbrenndauer des Blitzes zu kurz


In dem obigen Bild wurde nur nur die Leistung des YN560II von 1/1 auf ½ verringert – mehr nicht. Lediglich am ganz unteren Bildrand scheint es einen kleinen Streifen zu geben, der korrekt belichtet ist, durch die jetzt kürzere Abbrenndauer der Blitzröhre war der große obere Bereich offensichtlich während der Belichtung von einem Verschlussrollo verdeckt.

Warum funktioniert die Sache überhaupt?

Ursache ist ein Vor- oder Messblitz, den die D80 unmittelbar vor der Aufnahme über den aufgesteckten YN565EX aussendet. Dieser Messblitz wird eine Millisekunde vor dem Öffnen des Schlitzverschlusses ausgesendet und zündet den YN560II, der ja als optischer Slave funktioniert und verzögerungsfrei sofort mit blitzt.

Nur wenn der YN506II auf voller Leistung betrieben wird ist die Leuchtdauer der Blitzröhre lang genug um während des Ablaufens der Verschlussrollos das Bild zu belichten (wir erinnern uns: das dauert lediglich zwischen 1/300 bis 1/8000 Sekunde). Laut Handbuch beträgt die Abbrenndauer bei voller Leistung 1/200 Sekunde. Würde ich mit 1/800 s belichten, wäre die Leuchtdauer des Blitzes also 4 mal so lang wie die Belichtungsdauer, daher funktioniert der Blitz hier quasi als „Dauerlicht“.

Halbe Leistung des Blitzes, selbst die 1/500 Sekunde ist noch zu schnell.

Halbe Leistung des Blitzes, selbst die 1/500 Sekunde ist noch zu schnell.

Über die Leuchtdauer bei halber Leistung schweigt sich das Handbuch aus, beim diesem Bild  oben funktioniert das Verfahren schon bei 1/500 s nicht mehr, wie man an dem breiten, dunklen Streifen erkennen kann. Erst ab 1/320 s ist der Verschluss lange genug geöffnet, um den Sensor wieder vollständig für das Blitzlicht offen zu halten (Bild unten, etwas überbelichtet).

Zwar überbelichtet, aber ab 1/320 Sekunde geht auch halbe Leistung des Blitzes.

Zwar überbelichtet, aber ab 1/320 Sekunde geht auch halbe Leistung des Blitzes. Die passende Belichtung muss duch Vergrößernd des Abstandes zwischen Blitz und Modell angepasst werden.

Zum besseren Verständnis zeige ich noch eine schematische Darstellung des Aufbaus, wie diese Fotos zustande kam.

Schematischer Aufbau des Versuches

Schematischer Aufbau des Versuches

Wozu soll das Ganze jetzt gut sein?

Portraitaufnahmen im Gegenlicht mit weit offener Blende werden so ohne HSS-fähige Blitze möglich. Die Leistung eines HSS-Blitzes sinkt außerdem gewaltig, wenn er in diesem Modus auslöst. Grob kann man sagen, dass bei einem Blitz mit der nominellen LZ 44 (bei 50mm Reflektorstellung) diese auf etwa 15 (bei 1/250 s) bis 4 (bei 1/4000s) sinkt, da bleibt also kaum noch etwas übrig.

Dem gegenüber kann mit der oben beschriebenen Lösung bei einer Reflektorstellung des YN560II auf 50mm weiterhin mit einer LZ von 42 bis 44 gearbeitet werden.

Aber wo Licht ist, da ist auch Schatten (wusste ich doch, dass ich heute nochmal was ins Phrasenschwein werfen muss 😉 ):
Mit der Anwendung dieses Verfahrens entfällt natürlich jegliche Automatik. Alle drei beteiligten, also Kamera, Steuerblitz und Slave, werden im rein manuellen Modus betrieben. Die richtige Belichtung des Hauptmotivs kann nur in gewissen Grenzen über die Blende und/oder Verschlusszeit (dann mit Hintergrundbeeinflussung) oder durch verändern des Abstandes zwischen Blitz und Modell erfolgen (nur der Vordergrund wird beeinflußt).

Die Leitzahlrechnung nach obiger Formel funktioniert hier nicht mehr, ausprobieren ist also angesagt. Erscheint das Motiv überbelichtet gehen wir mit dem Blitz etwas weiter weg vom Motiv, bei zu dunklem Modell etwas näher heran. Hier sind das Display und das Histogramm unsere Freunde.

Nach oben beschriebenem Verfahren, allerdings mit einer Belichtung von f/5,6 und 1/1000 Sekunde aufgenommen.

Nach oben beschriebenem Verfahren, allerdings mit einer Belichtung von f/5,6 und 1/1000 Sekunde aufgenommen. Bei dieser Methode funktioniert die Leitzahlberechnung nicht mehr, Änderung der Belichtung erfolgt durch Variieren des Abstandes Motiv – Blitz

Wer jetzt um des weicheren Lichtes willen noch einen Diffusor oder Streuschirm einsetzt wird schnell an die Grenzen eines einzelnen Aufsteckblitzes stoßen, denn durch einen solchen Schirm verlieren wir nochmal 1½ bis 2½ Blenden. Und wenn wir dann irgendwann mit der Lichtquelle nicht mehr näher ans Modell heran können ohne dass sie im Bild erscheint?

In diesem Fall nehmen wir einfach einen zweiten, dritten, vierten …. YN560II dazu und lösen die ganze Kombo zeitgleich mit dem ersten aus – jeder einzelne wird sich vom Trigger – Blitz angesprochen fühlen und brav seine Arbeit tun.

Damit kommen wir zum Thema Gang-Light, aber das wird zu gegebener Zeit ein eigener Beitrag werden.

Noch ein Beispiel dafür, was ein verspielter Kopf mit dieser Methode machen kann:

Ein mit normaler Aufnahmetechnik kaum zu bewältigender Kontrastumfang

Ein mit normaler Aufnahmetechnik kaum zu bewältigender Kontrastumfang

Die gleißend hell strahlende Glühwendel der Glühbirne war nur mit 1/4000 Sekunde und Blende f/22 auf den Chip zu bannen ohne vollkommen zu überstrahlen. Keine Chance mehr, die kleine Figur noch ins Scheinwerferlicht zu setzen. Mit dem HSS-Synch-Trick ist es aber doch möglich.
Die starke Einengung des Lichtstrahls für das Figürchen (Spot-Effekt) wurde mit einem selbst gebauten Snoot-Vorsatz mit Wabengitter zur weiteren Strahlbegrenzung für den Aufsteckblitz erreicht. In der Vergrößerung kann man gut die Spiegelung erkennen.

 


 

 

Autor: Rt

Wissen wird nicht weniger wenn man es teilt. Jeder kann fotografieren, aber manchmal fehlt uns der eine oder andere Kniff oder es interessiert uns generell, wie etwas gemacht wird. Und weil ich sowieso am liebsten übers fotografieren plaudere habe ich angefangen, in diesem Blog das festzuhalten, was mich zum jeweiligen Zeitpunkt am meisten beschäftigt. Ob es dabei um grundlegende oder weiterführende Techniken geht oder ob ich über eine spezielle Anwendung berichte, und egal ob Ihr Euch als Anfänger betrachtet oder über reichlich Erfahrung verfügt: Ihr seid herzlich eingeladen auf diesen Seiten zu stöbern und mit zu diskutieren.

Kommentare sind geschlossen.