Dieters Fotoblog

Alles rund um das Thema Fotografie

Deckel für die legendäre JOBO Entwicklerdose
Deckel für die legendäre JOBO Entwicklerdose

Der Charme der analogen Fotografie, wie es häufig genannt wird.

| 3 Kommentare

Ich kann die jungen Leute verstehen, welche die Faszination der chemischen Entwicklung entdecken wollen, schließlich gab es vor noch nicht allzu langer Zeit für unsereiner keine Alternative und wir haben ausschließlich so gearbeitet.

Das Vorgehen war immer das Gleiche und eine in Fleisch und Blut übergegangene Prozedur:

Nach der Entnahme des Films aus der Kamera wurde er in absoluter Dunkelheit in eine Entwicklerdose eingespult und diese Dose dann verschlossen. Erst wenn die Dose sicher verschlossen war durfte wieder das Licht eingeschaltet werden.

Anschließend wurden die vorher nach Rezeptur angemischten Chemikalien der Reihe nach in die Dose eingefüllt:

  1. Erst den Entwickler (verdünntes Konzentrat, wie z. B. Neofin und Rodinal, oder Pulver wie z. B. Ilford Microphen und ID 11)
  2. Es folgte ein Zyklus aus ein- bis zweimaligem Kippen der Dose, gefolgt von vorsichtigem aufklopfen in wieder aufrechter Stellung auf den Tisch um eventuelle Luftblasen zu lösen und  30-60 Sekunden Ruhepause, in welcher der Entwickler seine Arbeit machen konnte.
    Dieser Zyklus wurde für die Dauer der Entwicklung wiederholt, also 12 – 30 Minuten lang, je nach Film und Entwickler.
  3. Danach wurde der Entwickler ausgekippt und ein Stop- bzw. Unterbrecherbad eingefüllt, um die am Film und der Dose anhaftenden Entwicklerreste zu neutralisieren und die Entwicklung zu unterbrechen. Nach einer
  4.  Zwischenwässerung folgte das
  5. Fixierbad. Auch hier war es wichtig, in den ersten Minuten einen Kipprhythmus einzuhalten. Nach Abschluss der Fixierzeit wurde dann noch eine gründliche
  6. Schlusswässerung vorgenommen, bei der alle Chemikalienreste aus der Gelatine-Schicht ausgespült werden sollten.

Danach wurde die Dose geöffnet und der Film von der Spule genommen. Das, sowie das anschließende Abstreifen des Wassers, machte man mit aller Vorsicht um die vom Wasser weich gewordene Trägerschicht nicht zu verletzen, ein unwiderruflich zerstörtes Filmstück wäre nämlich die Folge gewesen.

JOBO Negativfilm-Entwicklerdose mit Innenleben. Die Spulen können wowohl den klassischen 35mm Kleinbild-Film als auch die 120 /200er Rollfilme aufnehmen. Entwickelt werden kan ein Rollfilm 120 oder 220, bei KB-Filmen kann jede Spule einen Filme mit 36 Bildern aufnehmen. Wenn beide Spulen bestückt sind können die Filme gemeinsam entwickelt werden.

JOBO Negativfilm-Entwicklerdose mit Innenleben. Die Spulen können sowohl den klassischen 35mm Kleinbild-Film als auch die 120 /220er Rollfilme aufnehmen.
Entwickelt werden kann ein Rollfilm 120 oder 220, bei KB-Filmen kann jede Spule einen Filme mit 36 Bildern aufnehmen. Wenn beide Spulen mit KB-Filmen bestückt sind können die Filme zusammen entwickelt werden.

Danach konnte der Film zum Trocknen an einen staubfreien Ort aufgehängt werden. Jedes noch so kleine Stäubchen, welches den Weg auf die nasse Oberfläche des Films fand, war dort für alle Ewigkeit verhaftet – im wahrsten Sinne des Wortes. Deshalb benutzten viele Fotografen einen eigens zum Filmtrocknen gebauten Trockenschrank, der mit einem elektrischen Heizgebläse warme Luft über die Filmoberfläche blies. Wehe, wenn der Staubfilter nicht richtig funktionierte.

Erst dann konnte es an das Vergrößern der Negative gehen, worin für mich persönlich die größere Faszination bestand.

Das Negativ wurde in das Vergrößerungsgerät eingelegt, mittels Streifen wurde die richtige Belichtungszeit ermittelt und anschließend das ganze Bild auf das Fotopapier projiziert. Was dann folgte war der klassische Weg durch die drei Bäder, die auch der Film gegangen war:
Entwickler, Stoppbad und Fixierer, gefolgt von der Schlusswässerung.

Es war jedes Mal ein besonderer Moment wenn man das belichtete Blatt Fotopapier in die Entwicklerschale gab und nach einigen Sekunden sich dann langsam und allmählich das Bild zu zeigen begann, bis es dann nach 60 – 180 Sekunden vollständig ausentwickelt war (je nach Prozess, Papier, Chemie und Temperatur).

 

Easy Go Retro?

Vor ein paar Monaten habe ich das für mich noch einmal ausprobiert und ein Kameragehäuse aus vergangenen Jahren noch einmal aktiviert, mit Schwarz-Weiß Film geladen und mit in die Stadt genommen. Den belichteten Film habe ich allerdings entwickeln lassen, hier habe ich nie einen kreativen Ast gesehen auf dem ich hätte herumklettern können.

Für mich persönlich hat sich dieser „Charme“ leider stark abgenutzt, ich möchte eigentlich nie wieder analog fotografieren müssen.

Was bleibt sind die entwickelten Negative

von denen ich nach einer ersten Sichtung nur wenige gescanned habe. Ich gebe zu, von der digitalen Fotografie verwöhnt zu sein.

  • Bei der Negativ-Entwicklung hängt alles von der exakten Einhaltung der Temperaturen und Prozesszeiten ab, und wenn man reproduzierbare Ergebnisse haben möchte bleibt nur ein winziger Spielraum, der es beispielsweise gestattet die Empfindlichkeit des Filmes von 100 ASA/ISO auf 200 ASA/ISO zu erhöhen. Im Wesentlichen war es das dann aber schon.
  • Es fehlt mir der kontrollierende Blick auf das Display nach der Aufnahme, kein Bild, kein Histogramm, nichts. Auch wenn ich mir einbilde zu wissen was ich tue, ein Kontrollblick kann nie schaden und immer noch eine vorher nicht bemerkte Glanzstelle oder einen Reflex offenbaren.
  • Es dauert mir zu lange bis der Film endlich voll ist. Bei 36 Aufnahmen pro KB-Patrone sollte das im Grunde kein Problem sein. Wenn ich mit meiner digitalen Kamera losziehe, komme ich an manchem Wochenende mit 300 – 500 Aufnahmen nach Hause. Aber analog funktioniert anders, zumindest bei mir.
  • Ich bin weniger experimentierfreudig, denn im Hinterkopf ist stets das „€“ – Zeichen. Film kostet. Also gehe ich entsprechend überlegter an die Aufnahme heran, was aber zu so manchem verpassten Bild führt. Beim digitalen Fotografieren kann ich hemmungslos mit Belichtung und/oder Beleuchtung herumprobieren, ebenso was die Pose des Modells betrifft. Ausschuss wird gelöscht, keine Kosten, nicht mal Speicherplatz auf der Platte.
  • Ich fotografiere in RAW und parallel in JPEG. Zu Hause am Rechner angekommen geben mir die JPEGs eine schnelle Übersicht über meine Ausbeute und einen Hinweis darauf, welche RAW-Dateien es sich zu kultivieren lohnt. Die Umwandlung in SW aus einer RAW-Datei bietet mir wesentlich mehr Möglichkeiten der Kontraststeuerung, als es der SW-Film jemals getan hätte. Kontraststeuerung beim SW-Negativ-Film findet bereits bei der Aufnahme statt.
    Gelb-, Grün-, Rot- oder Orangefilter, zum Teil in verschiedenen Dichten, sind das Mittel der Wahl. Danach kann man mit der Wahl eines Entwicklers die Gradation und den Kontrastumfang des Filmes noch etwas beeinflussen. Was dann dabei herauskommt, damit muss man leben.
  • Welche Vielfalt der Möglichkeiten bietet hier eine moderne Software für meine RAWs: Gesamtkontrastumfang, die gezielte Steuerung der einzelnen Farbkanäle, oder sogar einzelner Farben, was die Helligkeit betrifft, Helligkeitskorrekturen nur in den Schatten / Lichtern. Ok, letzteres kannte man früher auch durch Nachbelichten und Abwedeln, aber jedes zu viel oder zu wenig kostete einen Papierabzug, der im Mülleimer landete.
    Wie einfach und komfortabel geht es da mit den Schiebereglern von Lightroom oder Photoshop.
  • Kein Geplantsche mehr mit Chemikalien beim Ver- bzw. Bearbeiten der Bilder, keine herumstehenden Aufbewahrungsflaschen, keine Dosen, Flaschen, Schalen, Zangen, Messzylinder und Trichter mehr, die abgewaschen und gereinigt werden müssen. Keine Temperaturen, deren Einhaltung überwacht werden muss. Und wo keine Chemikalien angesetzt werden, müssen auch keine entsorgt werden.

Nein, für mich hat dieser Entstehungsprozess seinen Reiz verloren, die Faszination ist vergangen, hat sich ausgelebt. Willkommen in der schönen neuen Welt der Bits und Bytes, ich jedenfalls fühle mich hier recht heimisch. Und so kommt es, dass meine Jahrzehnte lang geliebte JOBO-Dose nebst einigem nützlichen Zubehör zu einem neuen Besitzer wechselt.

Werdet glücklich, ihr beiden, ich wünsche Euch alles Gute und eine erfolgreiche und befriedigende Zusammenarbeit!

35 mm Kleinbildfilm Entwicklerspule

35 mm Kleinbildfilm Entwicklerspule auf dem Weg zu ihrem neuen Arbeitgeber.


Zurück zum Seitenanfang


3 Kommentare

  1. Ja du hast ja recht es ist so wie du sagst aber trotzdem wird Analog in einzel fällen wiederkommen.

    • Da hast Du sicherlich Recht, denn es gibt durchaus Anwendungsfälle, in denen Analog besser geeignet ist, ich denke da Z. B. an die Langzeit-Archivierung. Was ich hier beschrieben habe ist meine ganz persönliche Sicht auf die Dinge, jeder sollte das für sich selbst entscheiden.

  2. Pingback: „Einen Ring, sie zu knechten...“ › Dieters Fotoblog

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.